Nachlese | Zukunft Entwicklung. Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit im Vergleich

Wie können Wirtschaftskooperationen sowie Fairer Handel zur Entwicklung beitragen? Welche Chancen bietet eine globale Wissensgesellschaft? Wie passen Klimaschutz, Ernährungssouveränität und Entwicklung zusammen? Warum brauchen wir spezielle Frauenförderprogramme und warum auch eine „Entwicklung für den Norden“? Diesen und weiteren Fragen gingen nationale und internationale Expertinnen und Experten in einer Projekte des Wandels-Veranstaltung der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen am 27. November 2020 auf den Grund. Kooperationspartner war der Entwicklungspolitische Beirat der Salzburger Landesregierung. Hier eine Nachlese zum spannenden Nachmittag mit zahlreichen Links zu den vorgestellten Projekten, den gezeigten Präsentationen und einigen Videos. Die Mitschnitte der Veranstaltung auf JBZ TV mit allen Inputs sind hier zu finden: Teil 1 Teil 2.

Einführung: Landesrätin Andrea Klambauer, Amelie Höring, Hans Holzinger, Entwicklungspolitischer Beirat

Landesrätin Andrea Klambauer, die in der Salzburger Landesregierung für Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist, wünschte in ihrer Grußbotschaft der Veranstaltung viel Erfolg. Sie verwies darauf, dass die Coronavirus-Krise die globale Ungleichheit verstärkt habe. Es brauche neue Ideen und Ansätze in der Zusammenarbeit. Diese würden in dieser Veranstaltung erörtert. Alle vorgestellten Salzburger Projekte wurden übrigens bereits vom Land Salzburg gefördert.

Amelie Höring, Vorsitzende des Entwicklungspolitischen Beirats, schilderte die Aufgaben dieses Gremiums, nämlich eingereichte Projekte der Entwicklungszusammenarbeit werden zu begutachten. Dabei gebe es verschiedene Kriterien, zwei davon seien die Verankerung der Initiative im Bundesland Salzburg sowie die Akquise von Eigenmitteln, die dann vom Land Salzburg ergänzt werden. Mehr dazu gibt es auf der von der JBZ betreuten Homepage Gofair Salzburg.

Die Corona-Krise absorbiere derzeit viel unserer Aufmerksamkeit. Aber es gebe auch andere wichtige Themen: Eine Welt, in der niemand hungern muss, in der niemand stirbt, nur weil die nötige Gesundheitsinfrastruktur fehlt, so der Organisator und Moderator der Veranstaltung Hans Holzinger von der JBZ, stv. Beiratsvorsitzender. Das Ziel der Veranstaltung sei, nicht den einzigen richtigen Weg der Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit zu finden, sondern zu zeigen, was welcher Ansatz kann und was nicht.

Eröffnungsvortrag: Dr.in Karin Fischer, Johannes Kepler Universität Linz

Zum Einstieg hörten wir einen Vortrag von Dr.in Karin Fischer, Leiterin des Arbeitsbereichs Globale Soziologie und Entwicklungsforschung am Institut für Soziologie der JKU Linz und Verfasserin sowie Herausgeberin zahlreicher Publikationen, etwa des 2019 erschienen Sammelbandes „Globale Ungleichheit“. In ihren Ausführungen über die „Ursachen für globale Ungleichheit“ betonte Fischer die strukturellen Hürden, die wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung häufig entgegenstehen. Sie plädierte für politische Anstrengungen zur Umsetzung fairer Handelsverträge sowie für die verbindliche Einhaltung von Arbeitsnormen durch Konzerne entlang der Güterketten. In Frankreich sei bereits ein solches Gesetz in Kraft, in Deutschland werde darüber intensiv diskutiert. [Anmerkung: In der Schweiz stand am 29. November ein Volksentscheid über eine „Konzernverantwortungsinitiative“ zur Abstimmung. Es gab zwar mit 50,7 Prozent Zustimmung eine Mehrheit, aber leider keine Mehrheit der Kantone.] Zugleich seien neue Anläufe für die Unterbindung illegaler Finanzflüsse und für Entschuldung notwendig, etwa im Ausgleich gegen die „Klimaschulden des Nordens“. [Download Präsentation].

Input 1: Dr. Gunter Schall, Austrian Development Agency

Es folgte das erste Panel zum Thema „Entwicklung durch Wirtschaftspartnerschaften?“ Dr. Gunter Schall, Leiter des Referats Wirtschaft & Entwicklung der Austrian Development Agency ADA, erläuterte die Förderung von Unternehmenskooperationen als einen Weg, Entwicklungsprozesse anzustoßen. Er benannte drei Arten von Zusammenarbeit: Partnerschaften, die sich selbst tragen, solche, die eine Anschubfinanzierung erfordern, und Projekte, die auf Dauerfinanzierung angewiesen sind. Wichtig sei in jedem Fall die Frage der „Dauerfinanzierung“ von Projekten im Blick zu haben. Hoffnungen setzte Schall auf den von der OECD favorisierten Ansatz von „Blended Finance„, also kommerzielle Finanzierungen für Projekte zur Erreichung der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Input 2: Dr. Georg Hubmer, Gesxchäftsführer CONA Solartrocknung

In der Folge wechselten wir direkt in die Praxis. Wir durften einen Unternehmer begrüßen, der seit vielen Jahren in Nord-Süd-Kooperationen aktiv ist. Dr. Georg Hubmer, Geschäftsführer der Firma CONA im Ried im Innkreis, berichtete von Projekten in verschiedenen Ländern des Südens, in denen mittels moderner Technologien Ernteerträge mittels Solartrocknung haltbar gemacht und damit vor dem Verderben bewahrt werden. Angeboten wird die Solartrocknung von Früchten, Kräutern, Getreide, aber auch Kakao. Wichtig sei, in Partnerschaft mit den Menschen vor Ort Wege zu entwickeln, um konkrete und leistbare Wertschöpfung zu erzielen. Erneuerbare Energien seien dafür ein sinnvoller Zukunftsweg. [Download Präsentation]

Input 3: Andrea Reitinger, Öffentlichkeitsreferentin der EZA Fairer Handel GMbH

Als nächstes im Programm stand der Ansatz des fairen Handels. Andrea Reitinger, Öffentlichkeitsreferentin der EZA Fairer Handel GmbH, war leider erkrankt, sie hat aber eine Präsentation sowie einige Erläuterung zum Fairen Handel gesandt.  Die  EZA Fairer Handel GmbH hat ihren Sitz in Köstendorf/Weng im Salzburger Flachgau. [Hinweis: Das Unternehmen zeichnet sich auch durch eine vorbildliche Ökobauweise aus. Erst vor kurzem wurde eine mit Bürgerbeteiligung errichtete Solaranlage eröffnet.] Die Produkte der EZA erkennt man am Orangen Unternehmenszeichen. Zusätzlich tragen viele davon das blau grüne Fairtrade Gütesiegel, das für eine unabhängige Kontrolle steht. Die bekanntesten Produkte mit dem Fairtrade Gütesiegel sind Bananen und Kaffee, aber mittlerweile werden beispielsweise auch faire produzierte Textilien angeboten. Verkauft werden die Güter in Weltläden sowie in Lebensmittelgeschäften. Die Stärke des Ansatzes geht über das Schlagwort der fairen Bezahlung hinaus, so Reitinger. Ziel sei die umfassende Stärkung der Akteurinnen und Akteure am Anfang der Lieferkette. Demokratisch organisierte, kleinbäuerliche Genossenschaften habe man dabei ebenso im Blick wie die Zusammenarbeit mit kleingewerblichen Initiativen. Zudem spiele Umwelt- und Klimaschutz eine immer wichtigere Rolle [Download Präsentation] .

Input 4: Mag.a Anita Rötzer, Regiontellenleiterin von SÜDWIND Salzburg

Der Faire Handel leitete über zum nächsten Thema, nämlich der Rolle von kritischen, bewussten KonsumentInnen sowie einer „Entwicklung für den Norden“. Mag.a Anita Rötzer von Südwind Salzburg, einer Organisation, die in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit sowie im Bereich Campaigning tätig ist, berichtete von „konsumkritischen Spaziergängen“. Dabei werden bestimmte Orte aufgesucht, um einen nachhaltigen Konsum zu diskutieren. Tipps werden genannt, wo es denn faire und ökologische Produkte gibt. Demnächst erscheint eine neue digitale Tour mit dem Fokus auf Fleisch: „Salzburger Fleischgeschichte(n)“. Ziel sei die Schaffung eines kritischen Bewusstseins und die Einladung, selbst aktiv zu werden, etwa durch Mitwirkung an Petitionen, aktuell einer Petition für eine faire Elektronik. Zudem soll unser Konsumverhaltens grundsätzlich überdacht werden. Es gehe beispielsweise bei Ressourcenschonung nicht nur um „Recycling“, sondern auch um „Rethinking“ – also die Frage vor jeder Konsumentscheidung, ob man das neue Produkt überhaupt braucht.

Input 5: Maia Loh, Bildungsreferentin des Afro-Asiatischen Instituts

Maia Loh BA vom Afro-Asiatischen Institut Salzburg AAI stellte in der Folge den Salzburger Kompass für eine bessere Welt sowie die Karte für morgen vor. Der Salzburger Kompass für eine bessere Welt versammelt Initiativen (NGOs, soz. Projekte etc.) und Unternehmen (Läden, Restaurants, Märkte etc.), die sich den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet fühlen. Er ist als informative Papierkarte erhältlich. Da Druckwerke aber rasch veralten, sei man eine Kooperation mit der Karte von morgen  eingegangen. Diese Online-Karte verzeichnet zukunftsweisende Initiativen und Unternehmen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus. Zu jedem Projekt gibt es eine Kurzbeschreibung, die Adresse sowie Verortung in der virtuellen Karte und ein Nachhaltigkeitsbewertungstool. Das AAI hat nun alle gesammelten Projekte in Salzburg auf diese Karte gestellt. Zur Frage, was dieses Projekt leisten kann, meinte Loh, dass es wichtig sei, Initiativen die sich für mehr Nachhaltigkeit, Fairness und Solidarität engagieren, bekannter zu machen und auch zu vernetzen. Die neue Auflage des Salzburger Kompass für eine bessere Welt im praktische Papierkartenformat ist eine Orientierungshilfe im Alltag, um sich einem guten Leben für ALLE Schritt für Schritt anzunähern. Der neue Kompass ist kostenlos und kann beim AAI abgeholt oder per Post zugestellt werden [Download Folien].

Input 6: Peter Spiegel, Leuter des WeQ-Instituts, Buchautor

Nach einer wohlverdienten Pause ging es in die zweite Runde. Vorgestellt wurden zivilgesellschaftliche Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Als erstes referierte Peter Spiegel, Leiter des WEQ-Instituts, aus Berlin zugeschaltet, über die „Chancen einer globalen Wissens- und Kompetenzgesellschaft“. Der Zugang zu Wissen werde durch das Internet immer besser, Wissen sei insofern global verfügbar. Wichtig seien aber auch sogenannte „Skills“, also Fähigkeiten. Spiegel nannte u.a. systemisches Denken, Co-Creation oder Umsetzungskompetenz. Ziel des WeQ-Instituts sei es, mit Bezug auf die Bildungskonzeption der OECD , solche Kompetenzen zu vermitteln und zu verbreiten. Zwei Beispiele: Die Kahn Academy bietet weltweit mittlerweile zigtausende Online-Kurse an. Ziel der gemeinnützigen Organisation ist es, eine kostenlose, erstklassige Ausbildung für jeden, überall, anzubieten. FUNDAEC, die Abkürzung auf Spanisch für „Die Stiftung für die Anwendung und Lehre der Wissenschaften“, widmet sich als gemeinnützige Nichtregierungsorganisation seit über 30 Jahren der Förderung von Lern-, Ausbildungs- und Entwicklungsprozessen in den ländlichen Gebieten Kolumbiens und weiteren Ländern in Lateinamerika. Bildung könne viel bewirken, aber auch Spiegel betonte die Notwendigkeit politischer Veränderungen. Er plädierte für einen globalen Mindestlohn von einem Dollar, vorgestellt in seinem Buch „Die 1-Dollar-Revolution“, Dieser Mindestlohn würde vielen Menschen in den Ländern des Südens helfen, ihre Lage zu verbessern, ohne die Preise der Exportprodukte für uns merklich zu verteuern. [Download Folien]

Input 7: Fritjof Finkbeiner, Initiative „plant for the planet“

Es folgte Aufforstungsprojekten in den Ländern des Globalen Südens ein Ansatz, der wirtschaftliche Entwicklung, Ernährungssouveränität und Klimaschutz verbindet. Dazu gibt es ein faszinierendes Buch „Die Wiederbegrünung der Welt“ von Jochen Schilk mit „50 Geschichten vom Bäumepflanzen“. Eine dieser Geschichten handelt von der Initiative „Plant-for-the-Planet“. Betrieben wird sie von jungen Menschen aus aller Welt, gegründet wurde sie von einem jungen Münchner – Felix Finkbeiner, der in einem Youtube-Video die Initiative anschaulich erklärt (s.u.). Felix war zur Zeit unserer Veranstaltung gerade in Mexiko auf der Aufforstungsfläche der Initiative. Da die Internetverbindung leider nicht klappte, erzählte sein Vater, Frithjof Finkbeiner, der die Global Marshall Plan-Initiative mit aufgebaut hat, über das Projekt.

Die Klimakrise sei das drängendste Problem der Welt. Zugleich gäbe es in vielen Länden des Südens große durch Erosion geschädigte Flächen, auf denen mit Aufforstungsprojekten die Ökosysteme wieder stabilisiert, neue CO2-Senken geschaffen und zugleich regionale Wertschöpfung ermöglicht werden kann. Eine in Auftrag gegebene Studie des „Crowther Labs“ zeigt, dass es derzeit 3.000 Milliarden Bäume weltweit gibt und dass Platz für weitere 1.000 Milliarden Bäume vorhanden ist. Die von der UNO an  „Plant-for-the-Planet“ überantwortete Initiative „One Trillion Tree“-Campaign hat zum Ziel, diese 1.000 Milliarden Bäume zu pflanzen. Diese Bäume verschaffen uns zehn bis 15 Jahre mehr Zeit um die 2°C-Grenze doch noch einzuhalten und schaffen zusätzlich Wohlstand im Globalen Süden. Aktuell steht der „Baumzähler“ bei 13,49 Milliarden gepflanzten Bäumen. Über eine eigene App (www.weplant.app/get) kann einfach mitgemacht werden. Für jeden gespendeten Euro wird auf der eigenen Aufforstungsfläche der Initiative oder mit Partnerorganisationen in den Ländern des Südens ein weiterer Baum gepflanzt. „Plant-for-the-Planet“ arbeitet nach dem Schneeballprinzip: Mittlerweile gibt es über 88.000 Botschafter und Botschafterinnen in 74 Ländern der Welt, die sich gegenseitig zu Botschaftern für Klimagerechtigkeit ausbilden und die Idee zu verbreiten.

Input 8: Frauenförderprogramm im ländlichen Bhutan

In den nächsten beiden Beiträgen ging es um Programme zur Frauenförderung in Bhutan und Indien. Bhutan ist jenes Land, das das Bruttonationalprodukt durch das Bruttonationalglück ersetzt hat. Dass Bhutan auch – wie kaum ein anderes Land – eine weibliche Erbfolge bei landwirtschaftlichen Betrieben hat, erfuhren wir durch Dr.in Ulrike Cokl, Gründerin und Geschäftsführerin des Bhutan Netzwerks. Cokl ist Anthropologin und hat in Bhutan mehrere Feldstudien durchgeführt. Um junge Frauen vor dem Abzug in die Stadt abzuhalten und ihre Höfe weiter zu betreiben, hat das Bhutan Netzwerk ein Austauschprogramm mit Biobäuerinnen in Salzburg initiiert, so Cokl in ihrem Bericht. Junge Bäuerinnen aus Bhutan verbringen einige Wochen an Salzburger Biobauernhöfen, um hier Kenntnisse über Biolandbau zu erwerben. Die Landwirtschaftliche Fachschule Bruck wirkt ebenfalls als Partner mit [Download Präsentation].

Input 9: Mag.a Amelie Höring über das Frauenprojekt “Iswhari“ in Indien

Frauen, die von ihren Männern verlassen werden, haben in Indien schlechte Karten. Sie haben lediglich die Chance, Zweitfrau eines anderen Mannes zu werden, oder am Rande der Gesellschaft leben zu müssen, berichtete Amelie Höring, die seit vielen Jahren Entwicklungsprojekte in Indien unterstützt. Die einzige Chance für diese Frauen, sei wirtschaftlich selbständig zu werden. Die Nichtregierungsorganisation Maher in Pune/Indien, gegründet von der Ordensschwester Lucy Kurien, hat bereits vor vielen Jahren das Projekt „Iswhari“ gestartet, in dem ausgestoßenen Frauen eine Ausbildung und Erwerbsmöglichkeit verschafft wird. Maher Ashram bedeutet Haus der Mutter. Das interreligiöse Projekt widmet sich der Versorgung und Ausbildung von Menschen, die alleine keinen Ausweg mehr finden, sowie der Entwicklung indischer Dörfer durch Bewusstseinsbildung und Minikreditgruppen. Maher wird ausschließlich von Spenden getragen und erhält keine Mittel vom indischen Staat. In Salzburg werden ebenfalls regelmäßig Benefizaktionen durchgeführt, etwa in der Gemeinde Thalgau.

Input 10: Mag.a Andrea Rainer, Regionalkooperation mit Singida

2019 feierten die beiden Regionalkooperationen Salzburgs mit Singida, Tanzania, und San Vicente, El Salvador, ihr 25-jähriges Bestehen. In der Regionalkooperation mit Singida wird ein spezieller Ansatz der Dorfentwicklung verfolgt. Die Organisation vor Ort versteht sich als Mittlerin zwischen den Dorfgemeinschaften und der Regierung, berichtete Andrea Rainer, Projektleiterin der Regionalkooperation. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort wird erhoben, welche Bedarfe die Gemeinden haben. Rainer schilderte ein Frauengesundheitsprojekt, in dem die medizinische Grundversorgung gewährleistet und Informations- und Aufklärungsarbeit geleistet wird. Der Staat stellt die Gesundheitsstationen, Personal und Ausstattung zur Verfügung, die NGO erarbeitet mit den Menschen vor Ort lokale Lösungen. Ein Kurzfilm „Regionale Arbeit“ informiert über das Konzept und die Arbeitsweise. Salzburg hat übrigens seit langem Verbindungen zu Singida, den seit 1984 besteht auch eine Städtepartnerschaft mit der Stadt Singida [Download Präsentation].

Input 11: Wolfgang Hausch, „Buen vivir“ als Ansatz für Klimaschutz

Von Afrika wechselten wir nach Lateinamerika. In einem ersten Input ging es um den Ansatz des „Buen vivir“ in Ecuador und Bolivien. „Buen vivir“ bedeutet „Gutes Leben“ – und zwar in Einklang mit der Natur. Die Abkehr vom „Extraktivismus“, also der Ausbeutung von Rohstoffen, und die Wahl eines einfachen Lebenstils, basierend auf lokalen Ökonomien, gelten als Grundprinzipien. Gegründet wurde das Konzept von Alberto Costa, bis 2008 Minister für Energie und Bergbau Ecuadors, der als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung maßgeblich an der Integration des „Buen vivir“-Konzeptes in die Verfassung des Andenstaates beteiligt war. Mehr dazu und den Schwierigkeiten der Umsetzung beschreibt er in dem ins Deutsche über setzten Buchs „Buen vivir. Vom recht auf ein gutes Leben„.

Wolfgang Hausch, der Wildniserlebnis-Camps anbietet, hat an der FH Salzburg seine Abschlussarbeit über den Ansatz des „Buen Vivir“ verfasst und ist der Frage nachgegangen, ob dieser auch im Kontext der Klimakrise für unsere Wohlstandsgesellschaften brauchbar wäre. Er kam zu dem Schluss, dass das Konzept durchaus Stärken habe, insbesondere durch einen nicht instrumentellen Bezug zur Natur, aber unseren Konsumgesellschaft diametral entgegenstehe, was übrigens auch seine Umsetzung in Ecuador und Bolivien erschwere. Das Konsummodell genießt hohe Attraktivität. [Download Präsentation].

Input 12: Dr. Hans Eder und Elisabeth Buchner MA über die Chancen des Biolandbaus und einschlägige Projekte der Regionalpartnerschaft Salzburg – San Vicente

Die Regionalkooperation Salzburg – San Vicente wurde gegründet, um in der Nach-Bürgerkriegsgesellschaft des Landes den Übergang zu zivilen Strukturen zu fördern. Es war das Ziel, ehemaligen Kämpfern, die ihre Waffen niederlegten, in der Landwirtschaft Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen, berichtete Hans Eder von INTERSOL. Hierfür war es notwendig, sich vom agroindustriellen Großgrundbesitz zu lösen und kleinbäuerliche Landwirtschaftsstrukturen aufzubauen. Eder betonte den partizipativen, langfristigen Prozess der internationalen Zusammenarbeit im Rahmen der Regionalkooperation. Als Interventionsbereiche gelten das Konzept der Ernährungssouveränität, der Biodiversität und des Aufbaus eigener Saatgutbanken. Dabei werde lokales Wissen erhalten und weitergegeben, wozu Weiterbildungsprogramme  und Stipendien dienen. Die Produktions- und Vertriebsstrukturen sind solidarwirtschaftlich angelegt.

Elisabeth Buchner berichtete, dass das Setzen auf Biolandbau ökologische und ökonomische Ziele vereine. Produziert werde für den Eigenbedarf, für Nischenmärkte in den Städten des Landes sowie für den Export. Hier setze man aber nicht auf die konventionellen Lebensmittelmärkte, sondern auf Foodcoops etwa in Salzburg, die sich selbst dem solidarwirtschaftlichen Ansatz verbunden fühlen. Wie die Produktionsgenossenschaften des Biolandbaus in San Vicente aufgebaut sind und wie die Bildungs- und Entwicklungsprozesse funktionieren, zeigen die Kurzfilme über die Biolandbaubewegungen MOPAO und APRAINORES in El Salvador. [Download Präsentation]

Input 13: Mag. Wolfgang Heindl über das Netzwerk MINKA in Peru

Das letzte vorgestellte Projekt stammt aus Peru – auch hier geht es um Landwirtschaft und Ernährungssouveränität. Die peruanische Organisation MINKA hat – u.a. mit Unterstützung aus Salzburg – ein spezielles Vertriebsnetzwerk für die lokale Versorgung der Bevölkerung aufgebaut. Wie das funktioniert, berichtete uns Mag. Wolfgang Heindl, Referent von „Sei so frei Salzburg-Tirol“, eine Organisation, die 1996 auf Initiative der Kath. Männerbewegung aus der Aktion Bruder in Not hervorgegangen ist. Heindl ging zunächst auf die spezielle Topographie Perus ein, die aufgrund des Höhensunterschieds zwischen der Küste und dem Hochgebirge von 4000 Metern 90 unterschiedliche Klimazonen aufweist Dies bedeutet, das Bewohner und Bewohnerinnen einen regen Austausch von Produkten unterschiedlicherer Klimata pflegen müssen. Der Jesuitenpater Jose San Francisco, der vor vielen Jahren in Salzburg als Stipendiat weilte, hat hierfür mit MINKA ein spezielles Vertriebs- und Kommunikationsnetz aufgebaut. MINKA bedeutet auf Quechua so viel wie „Zusammenarbeit“, so Heindl. Das Ziel war, Vertrauen zwischen den Kleinbauernbetrieben und ihrem soziale Umfeld sowie entsprechende Logistik zu schaffen. Neben Lebensmitteln werden auch andere Güter wie Schuhe oder Tourismusaccessoires vertrieben. [Download Präsentation]

Diskussion und Resümee: Ansätze von Wirtschaftspartnerschaften im Vergleich

In der Diskussion wurde nochmals auf das Spannungsverhältnis zwischen der Größe der Herausforderung einer fairen und nachhaltigen Welt sowie den begrenzten Möglichkeiten, hier mit „kleinen“ Projekten beizutragen, eingegangen. Der Tenor dabei: Es sei wichtig, sich politisch zu artikulieren und zu engagieren, aber zugleich mache es Sinn, in konkreten Projekten Neues zu ermöglichen. Nach dem Motto: Das eine tun und das andere nicht lassen. Betont wurde der partizipative Zugang bei Entwicklungsprojekten, indem externes Knowhow, etwa über Photovoltaik, wie Georg Hubmer zeigte, mit lokalem Wissen verbunden wird, etwa in beiden Regionalpartnerschaften oder dem Projekt MINKA. Ziel müsse sein, lokale Wertschöpfung in Projekten zu erzielen, die sich in der Folge selber tragen, wie u.a. Gunter Schall von der ADA betonte. Der Ansatz des fairen Handels zeigt auf, dass durch faire Preise mit Unterstützung bewusster KonsumentInnen solche sich selbst tragenden Wirtschaftskooperationen möglich sind. Der Wermutstropfen: Der Ansatz bedient derzeit nur eine kleine Nische. Das Ziel müssen generell faire Produktions- und Handelsbedingungen sein, doch dies ist Aufgabe der Politik, wie etwa Karin Fischer betonte. Die vorgestellten Ansätze machten deutlich, dass es um Entwicklung auf gleicher Augenhöhe geht und lokales Wissen etwa im Umgang mit der Natur durch Indigenas auch für unseres Wohlstandsgesellschaften lehrreich sein können.

Es gehe nicht darum, die unterschiedlichen Ansätze gegeneinander auszuspielen, sondern in ihrer Vielfalt den Wert zu erkennen, so das Resümee des Organisators Hans Holzinger: „Wenn viele Menschen an vielen Orten und in sehr unterschiedlichen Bereichen sich für nachhaltige Neuansätze engagieren, dann entsteht daraus eine Kraft, die weit über die Einzelinitiativen hinausreicht.“

Herzlicher Dank gilt allen Mitwirkenden, dem Land Salzburg für die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung sowie Carmen Bayer, die sich um die komplexe Technik der Online-Veranstaltung gekümmert hat. Sie wird auch die Videomitschnitte für JBZ TV aufbereiten.

[Alle Porträtfotos wurden von den Referierenden zur Verfügung gestellt]

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